Geschichte des vhs-Orchesters

Zum 100-jährigen Jubiläum im Herbst 2001 fand ein Jubiläumskonzert statt, im Rahmen dessen das langjährige Mitglied Martin Baier einen Festvortrag hielt, den wir - mit freundlicher Genehmigung des Autors - hier abdrucken.


Festansprache
zum 100-jährigen Jubiläum des Crailsheimer Volkshochschulorchesters
von Martin Baier

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freunde des Volkshochschulorchesters,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Orchester!

Es ist mir die ehrenvolle Aufgabe zuteil geworden, Ihnen, verehrte Zuhörer, im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jubiläum des Volkshochschulorchesters Entstehung und Werdegang unseres Orchester nahe zu bringen, dessen Vorgänger vor ziemlich genau 100 Jahren als „Orchestervereinigung“ gegründet wurde. Ich stütze mich bei meinen Ausführungen zunächst auf die nachgelassene Chronik von Reichsbahnrat a. D. Karl Ruoff, der einer der Mitbegründer dieses Orchesters war. - Karl Ruoff verstarb am 10. Januar 1965 im Alter von 94 Jahren. In seinem Nachlass fand sich - wie eben schon angedeutet - eine ausführliche Darstellung der musikalischen Szene Crailsheims um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und über die Gründung und Entwicklung dieser Orchestervereinigung in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts.

Das eigentliche Volkshochschulorchester, das bis heute diesen Namen trägt, wurde um die Jahreswende 1947/48 ins Leben gerufen und besteht somit auch schon fast 54 Jahre. Ich werde nachher ausführlich darauf eingehen.

Zunächst aber zu den Ereignissen im Jahr 1901! - Um es gleich vorweg zu sagen: An ein genaues Datum der Orchestergründung konnte sich Karl Ruoff nicht mehr erinnern, doch war er sich sicher, dass die Gründung - wie er schrieb - „Ende 1901 oder Anfang 1902“ erfolgte. Wir dürfen uns diesen Gründungsakt auch nicht als eine offiziell organisierte Veranstaltung vorstellen. Die drei oder vier Gründungsmitglieder trafen sich wohl völlig formlos und kamen überein, den Versuch zu machen, einen Spielkreis ins Leben zu rufen, der sich das Musizieren „klassischer“ Musik zur Aufgabe machte. Der informelle Akt ist auch daran zu erkennen, dass diese Orchestervereinigung nie den Rechtsstatus eines eingetragenen Vereins erlangte, somit auch keinen Vorstand, Kassier oder Schriftführer hatte, sondern lediglich eine formlose Gesellschaft des bürgerlichen Rechts blieb.

In jenen Jahren war in Crailsheim ein überaus reges Musikleben zu verzeichnen. Da gab es längst den Gesangverein „Harmonia“, den evangelischen und auch einen katholischen Kirchenchor. Im instrumentalen Bereich war der städtische Musikdirektor Louis Müller die dominierende Figur. Er war in erster Linie Musiklehrer oder wie es damals hieß „Musikerzieher“ und er unterrichtete die Streichinstrumente, besonders Geige, aber natürlich auch Holz- und Blechblasinstrumente und gab Klavier- und Gesangsstunden. – Seine Tochter Meta, verheiratete Leihenseder, wurde übrigens auch Klavierlehrerin und sein Sohn Willy wurde Professor für Geige an der Musikhochschule Stuttgart und trat als Solist in der Öffentlichkeit immer unter dem Namen Willy Müller-Crailsheim auf. (Ich werde nachher noch kurz auf ihn zurückkommen.)

Neben der Unterrichtstätigkeit oblag es dem „Stadtmusikus“ mit seinen Schülern und „Gesellen“ (man konnte das Metier der Musik richtig als Lehrling erlernen) jeden Tag um die Mittagszeit vom Stadtturm zu blasen. (Später fand das Turmblasen nur noch sonntags statt.) Außerdem unterhielt Louis Müller eine kleine Kapelle, mit der er im Saal des Hotels Post-Faber (man sagte damals nur „im Faber“) häufig sogenannte „Reunionen“ veranstaltete. Das Wort Reunion ist eine alte Bezeichnung für musikalische Gesellschaftsveranstaltungen, wie sie besonders in Badeorten abgehalten wurden. In diesen Reunionen im „Faber“ wurden kleinere Instrumentalwerke und Gesangsvorträge dargeboten und anschließend zum Tanz aufgespielt. – Und schließlich war Musikdirektor Müller auch Dirigent der Stadtkapelle, die in jenen Jahren im Winterhalbjahr offenbar häufig öffentliche Konzerte gab. So ist in einer Anzeige im „Fränkischen Grenzboten“ vom 26. Okt. 1901 zu lesen:

Stadtkapelle – Einladung zum Abonnement auf drei Konzerte.
Crailsheim
Sonntag den 27. Okt. abends 8 Uhr im Saale des Hotel Faber
I. Abonnements-Konzert ...

Den Freunden guter „klassischer“ Musik, die schon damals in kleinen Besetzungen, etwa als Klaviertrio oder Streichquartett, Kammermusik machten, genügte die in jenen Jahre dominierende volkstümliche Musik aber offensichtlich nicht und so taten sich – wie bereits erwähnt – mit Karl Ruoff, der übrigens ein ausgezeichneter Cellist war, noch ein paar Liebhabermusiker zusammen und gründeten also um den Jahreswechsel 1901/02 diese Orchestervereinigung.

An guten Spielern mangelte es offenbar nicht. Karl Ruoff spricht von etwa einem Dutzend Geigern, von mindestens zwei Bratschern und einigen Cellisten; auch ein Kontrabassspieler war verfügbar und dazu kamen noch Flöten, Klarinetten, Trompeten und eine Posaune. Als Probenlokal wählte man das Gasthaus von Karl Thurner, später Gasthaus Herrmann, in der Schillerstraße 1. Und Dirigent wurde – wie konnte es anders sein – natürlich Musikdirektor Louis Müller.

Man kann sich gut vorstellen, dass dieses Ensemble, das immer wieder auch öffentlich auftrat, ein beachtliches Niveau hatte. Doch blieb es von Rückschlägen nicht verschont. Der Nachfolger von Louis Müller im Dirigentenamt, Friedrich Dölker, Präzeptor an der Realschule (Oberschule), wurde 1913 von Crailsheim wegversetzt. Von den Spielern schieden einige aus Krankheits- oder Altersgründen aus, zwei waren gestorben, andere wurden zum Kriegsdienst einberufen. „Zuletzt“, schreibt Karl Ruoff in seinen Erinnerungen, „waren wir nur noch vier Spieler, die Auflösung unseres Orchesters schien unvermeidlich“.

Selbst ein Ausschreiben in der Zeitung half nichts: Statt der erwarteten Geiger meldete sich nur ein Zitherspieler aus Altenmünster.

Auch die finanzielle Lage war alles andere als rosig. Da waren Noten und Notenständer zu beschaffen, für die Auftritte musste der Saal gemietet und mitwirkende Berufsmusiker und Solisten bezahlt werden. Die Eintrittspreise, die natürlich äußerst bescheiden festgelegt werden mussten, reichten zur Deckung der Auslagen nicht aus. Die fortschreitende Inflation tat ein Übriges.

Zudem wurde It. den Recherchen von Karl Schlecht um 1921/22 in Crailsheim eine weitere Musikvereinigung, nämlich das sogenannte Dilettantenorchester gegründet. Sein Dirigent war Wilhelm Müller, der „Kappenmacher“ Müller. Dieses Orchester wandte sich mehr der leichteren Muse zu; es spielte überwiegend Operetten- und andere Unterhaltungsmusik und zog der Orchestervereinigung manchen Spieler ab. Etliche Instrumentalisten spielten aber auch als Mitglieder in beiden Orchestern. In den 20er und auch 30er Jahren spielte das Dilettantenorchester im kulturellen Leben Crailsheims eine recht wichtige Rolle. So wirkte es beim Volksfest 1925 anlässlich der damals stattfindenden Gewerbeausstellung in der Festhalle mit. Im „Fränkischen Grenzboten“ vom 17. September 1925 wird diese Veranstaltung gewürdigt und es heißt unter anderem:

„Das Dilettantenorchester, die Harmonia und der Turnverein hatten die Ausschmückung des Abends übernommen. Trotz des Massenandrangs herrschte bei den Darbietungen des Dilettantenorchesters große Ruhe, und die Macht der Musik rührte an alle Herzen.“

Ein anderes Mal traten die Mitglieder dieses Orchesters als „Dachauer Bauernkapelle“ auf, und bei einer Fastnachtsveranstaltung machten sie als „Damenkapelle“ Furore.

Nicht genug der musikalischen Vereinigungen! Etwa um die gleiche Zeit wie das Dilettantenorchester entstand in Crailsheim noch ein weiteres Ensemble, das Instrumentalmusik pflegte, nämlich der „Hotvella“-Mandolinenclub, den Friedrich Manz leitete und der ebenfalls mit eigenen Konzerten an die Öffentlichkeit trat. So darf es nicht verwundern, wenn der Orchestervereinigung, dem Vorläufer des VHS-Orchesters allmählich die Luft ausging. Doch wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten! – Ein geigespielender Beamter wurde nach Crailsheim versetzt und trat in das Orchester ein. Weitere Streicher kamen dazu und es konnte doch wieder ein kleines Streichorchester gebildet werden. – Auch die finanzielle Misere konnte positiv gelöst werden: Man schloss sich nämlich dem Verkehrsbeamtenverein an, womit man der Geldsorgen enthoben war. Wegen des Anschlusses wurde die Orchestervereinigung gelegentlich auch als Verkehrsbeamten-Orchester bezeichnet.

Und „last - but not least“ gewann man auch wieder einen tüchtigen Dirigenten: Im Jahr 1918 wurde nämlich Adolf Weiler nach Crailsheim versetzt. Zunächst an die Volksschule, wo er Mädchenklassen unterrichtete; dann an die Mittelschule und im Jahr 1926 als Fachlehrer für Zeichnen, Musik und Sport an die Realschule (Oberschule). Adolf Weiler erklärte sich also bereit, die Leitung des Orchesters zu übernehmen, den genauen Zeitpunkt seiner Übernahme konnte ich allerdings nicht ermitteln. Jedenfalls konnte wieder ein geregelter Probenbetrieb aufgenommen und auch wieder Konzerte gegeben werden. – Außerdem war Adolf Weiler auch Organist und Leiter des Kirchenchors an der Johanneskirche, so dass nun zusammen mit dem Orchester auch größere kirchenmusikalische Werke in Angriff genommen werden konnten. „Den Höhepunkt bildete“ – ich zitiere Karl Ruoff – „eine glänzende Aufführung des Oratoriums 'Messias' von Händel“ in den 30er Jahren. Und auch bei Paul Stirmlinger, dem Kantor der katholischen Kirche, wirkten die Orchestermitglieder bei Bedarf mit.

Positiv für das Orchester wirkte sich auch die – zunächst freiwillige – Einführung des Arbeitsdienstes aus, der allerdings ab 1935 verpflichtend wurde. Der Arbeitsdienst hatte nämlich in Crailsheim einen eigenen Musikzug, dessen Leiter ein studierter Geiger war, der sich selbst und auch einige seiner Leute für Aufführungen zur Verfügung stellte. Ebenso konnte man etwa ab 1937 bei Bedarf auf Musiker der neugebildeten Fliegerhorstkapelle zurückgreifen. Ihr Dirigent Albert Quinque spielte übrigens noch mehrere Jahre im Volkshochschulorchester Cello und Kontrabass. Die Probenabende des Orchesters fanden in dieser Zeit und bis zum Schluss im Musiksaal der Realschule statt.

Im Jahr 1939 übernahm Adolf Weiler auch noch die „Harmonia“ und brachte bald darauf eine Aufführung des Oratoriums „Die Jahreszeiten“ von Haydn heraus – wohl das letzte große Konzert, an dem das Orchester beteiligt war.

Erstaunlich ist aber, dass die Orchestervereinigung noch in den Kriegsjahren bis ca. 1944 bestand, wenngleich die Proben in den späteren Kriegsjahren wohl nicht mehr regelmäßig stattfanden. – Der Orchesterstamm bestand in jenen Jahren aus nicht mehr wehrpflichtigen bzw. noch nicht einberufenen Männern, wie z. B. Wilhelm Glück, Richard Täschner oder Karl Bullinger, doch waren mit Frau Antonie Baumann und Frau Dr. Carla Früchte auch gute weibliche Mitspielerinnen vertreten. Dazu kamen die vorhin erwähnten Kräfte der Fliegerhorstkapelle, und Adolf Weiler zog auch Schüler der Realschule, die ein Musikinstrument spielten, heran. So kann sich unser derzeit ältestes Mitglied des VHS-Orchesters, Herr Zeuner, noch an seine Teilnahme an Aufführungen als Schüler in den Jahren zwischen 1941 und 1943 erinnern. Allerdings beschränkten sich die immer weniger werdenden Auftritte weitgehend auf die Umrahmung von Gedenkfeiern und Parteiveranstaltungen, welche übrigens immer im Großen Haus der Frankonia Lichtspiele stattfanden.

Mit der Verschärfung der Kriegslage ging es auch mit dem Orchester allmählich zu Ende. Die totale Zerstörung der Crailsheimer Innenstadt im April 1945 bedeutete zudem den Verlust vieler Musikinstrumente und des gesamten Notenmaterials im Hause Weiler. – Lassen wir aber den 2. Weltkrieg und die Zerstörung unserer Stadt hinter uns und wenden wir uns den schwierigen Nachkriegsverhältnissen zu.

Da in jenen ersten Nachkriegsjahren die Menschen nach echter Kultur, die sie lange entbehrt hatten, geradezu hungerten, ist es nicht verwunderlich, dass bald nach dem Zusammenbruch wieder viele musikalische Aktivitäten zu verzeichnen waren. So konnte man im „Amtsblatt für den Kreis und die Stadt Crailsheim“ am 12. September 1945 zwei interessante Anzeigen lesen. Die eine lautete:

„Gründlichen Violinunterricht erteilt Hanno Engelhardt, Am Schießhaus 2“

und die andere

„Klavier- u. Akkordeon-Unterricht erteilt Karl Mayer, Pianist und staatl. gepr. Musiklehrer, Hammersbachweg 5“

Obwohl die Kernstadt – wie wir wissen – total zerstört war, gab es in Crailsheim immerhin noch vier bedeutende Veranstaltungsräume, nämlich die weitgehend unversehrt gebliebene Johanneskirche, die katholische St.-Bonifatius-Kirche, die Jahnhalle und das Frankonia-Filmtheater. Gerade im Kino fanden in den ersten Nachkriegsjahren viele kulturelle, besonders musikalische Veranstaltungen statt. Aus der Vielzahl der musikalischen Auftritte jener Jahre möchte ich nur einige derjenigen herausgreifen, an denen Orchester beteiligt waren, die überwiegend aus einheimischen Kräften gebildet wurden.

Als erste musikalische Veranstaltung, die mit stadteigenen Musikanten ausgeführt wurde, kündigte die katholische Pfarrgemeinde für Sonntag 7. Oktober 1945 Josef Haydns Mariazeller Messe für gemischten Chor, Soli, Orgel und Orchester an. Neben den Chorleuten müssen also schon im Herbst 1945 wieder Instrumentalisten in Crailsheim verfügbar gewesen sein. – Am Karsamstag und am Ostersonntag 1946 wurden – wieder in der kath. Kirche – Händels Halleluja aus dem „Messias“ und Beethovens Messe in C-Dur für Chor, Soli und Orchester aufgeführt. Dieses Konzert wurde am 25. Mai 1946 – angereichert mit einigen Orgelstücken – wiederholt.

Am 29. September 1946 findet in der Johanneskirche ein Kirchenkonzert unter Mitwirkung des Chors der Johanneskirche und „eines Streichorchesters“ unter Kantor Gunther Mühlichen statt. Weitere Konzerte im Jahr 1947 folgten. Schließlich möchte ich noch an zwei legendäre Aufführungen von Haydns „Schöpfung“ am 17. und 18. April 1948 in der kath. Kirche erinnern, bei denen der Orchesterpart fast ausschließlich von Crailsheimer Instrumentalisten bestritten wurde.

Und damit nähere ich mich nun endlich dem Volkshochschulorchester!

Wie mir berichtet wurde, bildeten Crailsheimer Musikanten, die sich wohl Ende 1947 oder Anfang 1948 um Dr. Ernst Imbescheid geschart hatten, bei den beiden Aufführungen der „Schöpfung“ das Orchester. Dr. Imbescheid probte mit diesen Leuten für das Oratorium, das dann im April 1948 unter der Stabführung von Paul Stirmlinger aufgeführt wurde. – Ein Vierteljahr später, nämlich am 15. Juli 1948, brachte dann das „Zeit-Echo“, Vorgänger des Hohenloher Tagblatts, eine Konzertankündigung, die mit folgender Schlagzeile begann (ich zitiere):

„Das ist eine Neuigkeit, die alle Crailsheimer Kunst- und Musikfreunde herzlich freuen wird: ein im Rahmen der Volkshochschule gebildetes Kammerorchester aus Crailsheimer Kräften kann bereits am 23. Juli mit einem Konzert an die Öffentlichkeit treten ...“

Der erste Dirigent dieses neuen Orchesters war der vorhin erwähnte Dr. Ernst Imbescheid, der aus Ortenberg am Vogelsberg stammte und der – erst kurz zuvor aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen – im März 1947 eine Crailsheimerin heiratete. Ich erwähne die amerikanische Kriegsgefangenschaft deshalb, weil Dr. Imbescheid schon im Gefangenenlager in den USA mit musikbeflissenen Kriegsgefangenen ein Orchester gründete, mit dem der graue Alltag ein wenig aufgehellt wurde. Dr. Imbescheid war ein ausgezeichneter Flötist und Pianist, dem die Musik im Blut lag.

Das erste Konzert am 23. Juli 1948 fand in der Jahnhalle statt, die bis zum letzten Platz besetzt war. Auf dem Programm standen zunächst die Ouvertüre zur Oper .Alcina“ von Georg Friedrich Händel. Es folgten zwei Schubert-Lieder „Ständchen“ und „Ungeduld“, die von der Crailsheimer Sopranistin Julie Habelt gesungen wurden. Höhepunkt des Abends soll jedoch das Klavierkonzert f-moll von Johann Sebastian Bach gewesen sein, dessen Solopart die Crailsheimer Klavierlehrerin Frau Hilde Schilling It. Kritik „sehr fein und mit gediegenem pianistischen Können“ spielte. Den Abschluss des Konzerts bildete Mozarts „Kleine Nachtmusik“.

Die Dirigententätigkeit von Dr. Imbescheid währte aber nicht lange, denn nach den Sommerferien 1948 trat Adolf Weiler wieder auf den Plan und übernahm offenbar auf Wunsch vieler Musikliebhaber – das Orchester der Volkshochschule. Bereits am 19. Dezember (am 4. Adventssonntag) trat er in der wiederum ausverkauften Jahnhalle mit einem Konzert an die Öffentlichkeit. Das Programm umfasste Werke von Bach, Gluck, Dittersdorf und Mozart. Interessant dabei ist, dass als Solisten Eva Weiler, Klavier, und der Freiburger Flötist Dieter Schorr, der spätere Ehemann von Eva Weiler, mitwirkten.

Ein Jahr später, am 11. Dezember 1949, war das Orchester unter Adolf Weiler dann mit einem festlichen Haydn-Konzert zu hören. Die 35 Musiker hatten mit der Sinfonie Nr. 100 in G-Dur, der sog. Militärsinfonie, dem D-Dur Klavierkonzert, wiederum mit Eva Weiler am Flügel, und dem bekannten Cellokonzert in D-Dur, bei dem Prof. Hans Spengler, Karlsruhe, als Solist auftrat, ein anspruchsvolles Programm ausgewählt. Man muss aber immer wieder schmunzeln, wenn man heute die damaligen Konzertkritiken des „Zeit-Echos“ oder des „Hohenloher Tagblatts“ liest. So schrieb z. B. der Kritiker zum Auftritt des Cellisten (ich zitiere): „In Prof. Hans Spengler-Karlsruhe haben wir einen Cellisten kennen gelernt, der mit einer manchmal geradezu beängstigenden Virtuosität sein Instrument meisterte ...“

Die Orchesterproben fanden zu dieser Zeit im Nebenzimmer des „Schwarzen Bocks“ statt, wohin mich Anfang Oktober 1949 mein Geigenlehrer Wilhelm Glück mit den Worten mitnahm: „So, du bist jetzt so weit und spielst jetzt auch im Orchester mit“.

Im Jahr 1950 wurden die Proben dann vom „Schwarzen Bock“ in den Musiksaal der Oberschule, damals der alten Gewerbeschule, heute Jugendzentrum, verlegt.

Ich erinnere mich noch gut, dass wir regelmäßig und sehr intensiv probten. Es waren ja auch hochfliegende Pläne zu verwirklichen. Man erinnerte sich nämlich auch damals daran, dass im Jahr 1901 der Vorgänger des VHS-Orchesters ins Leben gerufen worden war und man wollte dies mit einem Jubiläumskonzert feiern. Auf dessen Programm standen mit Schuberts h-moll-Sinfonie, der sog. „Unvollendeten“, mit der „Egmont-Ouvertüre“ und dem Violinkonzert, beides Werke von Ludwig van Beethoven, drei hochkarätige sinfonische Werke. Als Solist für das Violinkonzert hatte man den bereits erwähnten Prof. Willy Müller-Crailsheim gewinnen können.

Der Konzertermin war auf Samstag, 23. Juni 1951, 20.30 Uhr, festgelegt. Es war ein sehr heißer Sommertag gewesen und man befürchtete ein Gewitter. Die Jahnhalle war brechend voll, das Orchester hatte schon Platz genommen und die Spannung im Saal war auf dem Siedepunkt. Da gab es plötzlich einen ohrenbetäubenden Donnerschlag, das Licht in der Jahnhalle ging aus und ein heftiges Gewitter entlud sich über Crailsheim. Zum Glück gab es nach – ich schätze – 20 Minuten wieder Licht und so konnte das Konzert programmgemäß ablaufen. An den Verlauf kann ich mich im Einzelnen nicht mehr erinnern, war es doch das erste große Konzert, bei dem ich mitspielen durfte. Ich weiß nur noch, dass bei den ersten Takten der Schubert-Sinfonie, wo die Celli und Kontrabässe allein im pianissimo unisono beginnen, – ich möchte mich vorsichtig ausdrücken – die Nervosität der Spieler sich in etwas getrübter Intonation bemerkbar machte. Im Übrigen muss es wohl ein durchaus respektables Konzert gewesen sein und vom Anspruch her sicher das Höchste, was einem Laienorchester zugemutet werden kann. Allerdings spielten wirklich alle namhaften Instrumentalisten Crailsheims, auch Berufsmusiker, wie Primarius Fritz Braun, Hanno Engelhardt, Heinz Otto Niggemann, Oboist Walter Welzel oder der Fagottist Bruno Dreißig und auch noch auswärtige Aushilfskräfte mit.

Jedenfalls schwelgte die Kritik in Superlativen. Erlassen Sie es mir, aus der Konzertbesprechung des damaligen Kritikers des „Hohenloher Tagblatts“, Max Brech, zu zitieren.

Das Orchester war nun wirklich zu einem wichtigen Kulturträger Crailsheims geworden und aus dem Musikleben der Stadt nicht mehr wegzudenken. Von den vielen Konzerten unter Adolf Weiler möchte ich nur noch zwei herausgreifen.

Zum ersten ein Konzert von Anfang November 1954, in dem der Crailsheimer Operntenor Kurt Essich Arien aus den Mozart-Opern „Cosi fan tutte“, „Die Entführung aus dem Serail“ und „Die Zauberflöte“ sang und vom Orchester begleitet wurde. An rein orchestralen Werken wurde zunächst wieder einmal die „Kleine Nachtmusik“ und zum Schluss das Klavierkonzert a-moll von Bach musiziert, bei dem einmal mehr Eva Weiler, jetzt verheiratete Schorr, den Klavierpart bravourös darbot.

Die zweite erwähnenswerte Aufführung ist das Jubiläumskonzert zur 200. Wiederkehr des Geburtstags von Wolfgang Amadeus Mozart, das zusammen mit dem Eisenbahnsingchor über die Bühne ging. Diesen Chor hatte Adolf Weiler bereits im Jahr 1952 als Dirigent übernommen. Das Konzert sollte eigentlich am 28. Januar 1956 stattfinden, doch wegen der Fülle der Veranstaltungen in jenen Tagen wurde es auf 15. April verschoben. Der reine Mozartabend wurde mit einem Akt der Ehrung des Meisters eingeleitet, bei dem Schwiegersohn Dieter Schorr, der inzwischen als Musikkritiker für die „Stuttgarter Zeitung“ arbeitete, einen Vortrag über „die Bedeutung Mozarts im musikalischen Schaffen seiner Zeit“ hielt. Eingerahmt wurde die Gedenkrede mit zwei Liedvorträgen des Eisenbahnerchors, darunter die berühmte Motette „Ave verum corpus“ KV 618. Auf dem eigentlichen Konzertprogramm standen folgende Werke: Die Ouvertüre zur Oper „Die Entführung aus dem Serail“, das Konzert für Flöte und Orchester G-Dur KV 313 mit Dieter Schorr als Solist, das Divertimento D-Dur KV 136 für Streichorchester, seinerzeit als „Salzburger Sinfonie“ bezeichnet, und als Abschluss das Rondo für Klavier und Orchester D-Dur KV 382, eines von Mozarts Lieblingsstücken und das populärste Werk zu Mozarts Zeiten, das natürlich von Tochter Eva gespielt wurde. – Alles in allem eine durchaus würdige Hommage für Mozart.

Doch die Ära Adolf Weiler fand mit seinem Tod am 23. März 1958 ein jähes Ende. Er war gerade 64 Jahre alt geworden. Mit ihm verlor Crailsheim eine Persönlichkeit, die die Musikszene der Stadt von Anfang der 20er Jahre bis 1945 und von 1948 bis zu seinem Tod entscheidend geprägt hatte: als Dirigent der Orchestervereinigung sowie als Organist und Chorleiter an der Johanneskirche, als Dirigent der „Harmonia“ und später des Eisenbahnsingchors. – Die größte Enttäuschung für Adolf Weiler, aus der auch eine gewisse Verbitterung resultierte, war jedoch die Tatsache, dass er nach dem Krieg seine geliebte frühere Stelle als Zeichen- und Musiklehrer an der Oberschule nicht mehr zurückbekam. Ich selbst habe Adolf Weiler als stets freundlichen, einfühlsamen und bescheidenen Menschen, aber auch als zielstrebigen und temperamentvollen Orchesterleiter erlebt, der bei den Aufführungen seine Musiker mitreißen und zu großen Leistungen führen konnte.

Sein Tod hat uns damals alle tief getroffen.

Aber das Leben ging weiter und das Volkshochschulorchester blieb nicht führungslos. Über Albert Bechtel, den Leiter der Städt. Volkshochschule, trat man an Joachim Scharr heran, der 1957 H. O. Niggemann als Musikerzieher am Albert-Schweitzer-Gymnasium abgelöst hatte, und im Herbst 1958 übernahm Herr Scharr dann das Orchester. Dieser Wechsel am Dirigentenpult hatte personelle und programmatische Konsequenzen.

Einige Spieler, die nur noch Adolf Weiler zuliebe mitmusiziert hatten, blieben nun weg. Andere schieden altershalber aus. Dafür kamen neue, auch jüngere Musikanten dazu, so dass sich letztlich Abgänge und Neuzugänge die Waage hielten.

Schwerer wogen dagegen die programmatischen Änderungen. Durch die Gründung der Konzertgemeinde fanden in Crailsheim Konzerte von Künstlern mit Weltrang statt. Außerdem waren die Möglichkeiten, gute Musik in erstklassiger Ausführung zu hören durch Radio, Fernsehen und Schallplatte derart gestiegen, dass ein Laienorchester gegen diese „Konkurrenz“ keine Chance mehr hatte. Damit schieden große sinfonische Werke und auch schwierige kammermusikalische Kompositionen aus. Man verlegte sich lieber auf Werke der Barockmeister, wie Vivaldi, Corelli, Telemann, Händel oder Bach, was aber nicht ausschloss, auch mal einen modernen Komponisten, z. B. Hindemith, Harald Genzmer oder Benjamin Britten ins Programm einzubauen. Auch wurden in Crailsheim nur noch wenige eigene „große“ Konzerte des Volkshochschulorchesters veranstaltet. Man beteiligte sich zwar bei den Crailsheimer Neujahrs- und später Frühlingskonzerten, doch wurde hier in der Regel nur ein Musikstück gespielt. Schwerpunktmäßig verlegte man sich für Crailsheim auf die Umrahmung von öffentlichen Veranstaltungen bei Jubiläen, Gedenktagen oder beim Stadtfeiertag.

Besonders verdienstvoll waren dagegen kleinere Konzerte in Gemeinden in der Umgebung, wo man immer gern gesehen war und dankbare Zuhörer antraf. So gastierte das Orchester einige Male in Kirchberg zu sog. Serenadenkonzerten bei Kerzenlicht im Schlosshof. – In schöner Regelmäßigkeit waren wir auch Gäste in Schrozberg, wo das Orchester einen treuen Zuhörerstamm hatte. – Unvergesslich sind mir auch etliche Konzerte geblieben, es mögen vier oder fünf gewesen sein, die wir vor einem ganz besonderen Publikum gaben, das unsere musikalischen Darbietungen oft mit rhythmischen Körperbewegungen begleitete. Und es kam sogar vor, dass sich ein junger begeisterter Zuhörer hinter unseren Dirigenten stellte und mitdirigierte. – Ich spreche von den Aufführungen in Weckelweiler, wo wir immer eine äußerst aufgeschlossene Zuhörerschaft fanden.

Als Joachim Scharr am 1. Februar 1994 als Dirigent des Volkshochschulorchesters Crailsheim abtrat, ging wiederum eine Ära zu Ende. In den über 35 Jahren seiner Orchesterleitung – länger als jeder seiner Vorgänger – hatte er mit uns mehr als 70 Auftritte bestritten. Auch sein Ausscheiden bedeutete für das Orchester eine schmerzliche Zäsur, denn Herr Scharr verstand es, in den stürmischen Entwicklungsjahren, die sich auch auf musikalischem Gebiet vollzogen, Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Das begann bei der Auswahl der einzuübenden Werke, wo das Orchester zwar gefordert, aber nicht überfordert wurde. Und das setzte sich in der angenehmen Probenarbeit fort, die stets von Kollegialität, Freundlichkeit und Optimismus getragen war und in der uns Herr Scharr mit viel Sachverstand den musikalischen Gehalt der Werke, die wir in Angriff nahmen, nahe zu bringen suchte. Er spürte den Intentionen der Komponisten nach und sensibilisierte uns für die Feinheiten der Kompositionen.

Nach dem Verzicht von Joachim Scharr war zunächst unklar, wie es mit dem Orchester weitergehen sollte, ja, ob überhaupt ein neuer Leiter zu finden wäre. Doch es zeigte sich bald Licht am Horizont, denn mit Christoph Broer, seit 1992 Inhaber der KantorensteIle an der Johanneskirche, konnte wiederum ein Musiker von Format für die Orchesterleitung gewonnen werden. Eine Woche nach dem Volksfest, nämlich am 26. September 1994, fand ein erstes Treffen interessierter Orchesterleute mit dem neuen Dirigenten statt. Kurioserweise waren unter den 12 erschienen Musikanten 6 Cellisten, 4 Geiger und 2 Bratscher. Das gegenseitige Beschnuppern an jenem Abend verlief positiv. Was die Literatur anlangte, die man in Angriff nehmen wollte, war man sich einig, den seither beschrittenen Weg fortzusetzen. Man verständigte sich auch darüber, die Proben weiterhin in 14-täglichem Rhythmus abzuhalten und bei Bedarf weitere Übungstermine einzuschieben.

Zur ersten Probe unter der neuen Leitung trafen sich dann 14 Tage später fünf erste und fünf zweite Geigen, ein Bratscher und vier Cellisten. Man griff zunächst auf früher schon gespielte Werke zurück, die für neu hinzugekommene Orchestermitglieder ohnehin Neuland bedeuteten. – Nach einem guten halben Jahr war dann der erste Auftritt fällig, der im Rahmen der Sommerkonzerte 1995 in der Liebfrauenkapelle erfolgte und fünf Programmnummern umfasste, darunter auch eine frühe dreisätzige Haydn-Sinfonie. Die kleine Konzertaufführung fand bei den Zuhörern eine durchaus positive Resonanz.

In der Folgezeit nahm man auch die gute Tradition wieder auf, kleinere Konzerte in Orten der näheren und weiteren Umgebung Crailsheims zu geben. So gastierte das VHS-Orchester in Herrentierbach, Wallhausen, Gaggstatt, Langenburg, Wildenstein, Brettheim, Altenmünster und Weipertshofen mit unterschiedlichsten Programmen.

Bisheriger Höhepunkt der Orchesterarbeit unter Christoph Broer war aber zweifellos das „Geistliche Konzert“ zusammen mit dem Chor der Johanneskirche, bei dem am 12. Dezember 1999 in der Johanneskirche das „Gloria“ von. Johann Sebastian Bach und als Hauptwerk das bedeutende „Magnifikat“ von Carl Philipp Emanuel Bach aufgeführt wurde. Eine Wiederholung dieses Konzerts fand dann am 12. März vorigen Jahres in der Haller Michelskirche statt. Beide Aufführungen wurden von verschiedenen Kritikern mit hohem Lob bedacht. – Als weiterer großer Auftritt des Volkshochschulorchesters wird morgen um 20 Uhr in der Johanneskirche das Jubiläumskonzert stattfinden, in dem ein Bratschenkonzert von Telemann, ein Concertino für zwei Flöten und Orchester von Michael Haydn, zwei Ungarische Tänze von Brahms, sechs Tänze von dem zeitgenössischen ungarischen Komponisten Ferenc Farkas und zum Schluss die 1. Symphonie von Ludwig van Beethoven auf dem Programm stehen. Bei freiem Eintritt hoffen wir auf einen guten Besuch.

Ich darf zum Schluss kommen. Unser Orchester, das dieser Tage sein 100-jähriges Bestehen feiert, hat das musikalische Leben Crailsheims sicher entscheidend mitgeprägt und sich auch über die Stadtgrenzen hinaus einen guten Namen erworben. Es hat – wie wir gehört haben – gute und schlechte Zeiten erlebt. Doch der Optimismus hat sich immer wieder durchgesetzt. So blicken wir heute dankbar auf 100 Jahre gemeinsamen Musizierens zurück, mit der Hoffnung, dass sich auch weiterhin musikbegeisterte Menschen finden werden, die zur eigenen Freude, aber auch zur Erbauung der Zuhörer musizieren und zur Bereicherung des Crailsheimer Musiklebens beitragen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Martin Baier

 
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